Viren-Winter 2022/2023: Was Sie jetzt zum Coronavirus und COVID-19 wissen müssen

Mit Masken, Impfungen und mit regelmäßigem Testen haben wir heute gute Möglichkeiten, uns vor COVID-19 zu schützen. Doch auch wenn man all das beachtet, kann man einer Infektion nicht immer aus dem Weg gehen. Gerade bei Risikopatient:innen mit Grunderkrankungen besteht die Gefahr, dass es es zu schweren Verläufen kommt. Daher gilt es, im Fall einer Coronainfektion wachsam zu sein und schnell zu reagieren. Im Interview erläutert Dr. Christian Petrik, medizinischer Leiter der Hospital Geschäftseinheit bei Pfizer, was es im kommenden Corona-Winter besonders zu beachten gibt.

Ein Mann lässt sich gegen Corona impfen
Foto: iStock_MilanMarkovic

Der erste Winter ohne große COVID Auflagen liegt vor uns – wie sehen Sie dem aus medizinischer Sicht entgegen?

Dr. Christian Petrik: „Insbesondere für ältere Menschen ab 60 Jahren, Immungeschwächte oder Patient:innen mit Vor- oder Begleiterkrankungen besteht weiterhin eine erhöhte Gefahr für einen schweren COVID-19-Verlauf. Deshalb sind sich alle Expert:innen einig, dass es vor allem um Vorsorge gehen sollte. Das bedeutet: sich selbst und andere zu schützen, sich zum Beispiel impfen und regelmäßig testen zu lassen."

Bin ich nicht sowieso immun, wenn ich geimpft bin oder COVID schon hatte?

Dr. Christian Petrik: „Die Ständige Impfkommission am Robert Koch Institut geht davon aus, dass eine durchgemachte Infektion mit SARS-CoV-2 allein nicht ausreicht, um später COVID-19 zu verhindern. Immunologische Untersuchungen und klinische Beobachtungsstudien haben ergeben, dass ein solider Schutz vor Varianten des SARS-CoV-2 erst dann gegeben ist, wenn sich der Organismus mehrmals mit dem Virus auseinandergesetzt hat. Dazu sind drei Impfstoffdosen notwendig oder eine Kombination von Infektion und Impfung (sog. „hybride Immunität“).[i] Soweit die Theorie, denn für Risikopatient:innen sollte es selbstverständlich sein, sich bestmöglich vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen – auch wenn sie geimpft sind.“

Wann ist man Risikopatient bzw. Risikopatientin?

Dr. Christian Petrik: „Zu den vulnerablen Gruppen zählen unter anderem Menschen mit Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Diabetes mellitus, Asthma bronchiale, mit chronischer Bronchitis, Leberentzündungen, chronischen Nierenproblemen und Adipositas (Body Mass Index ≥30). Dies sind beispielhaft aufgezählte Vorerkrankungen, das Risiko muss patientenindividuell beurteilt werden.“

Was raten Sie Risikopatient:innen, also Älteren und Menschen mit Grunderkrankungen?

Dr. Christian Petrik: „Mein Appell an Risikopatient:innen ist, sich in hohem Maße zu schützen, dabei besonders wachsam zu sein und schnell zu reagieren, wenn es Symptome für eine Coronainfektion gibt. Denn mittlerweile stehen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die bei frühzeitiger Behandlung[ii] gut vor einem schweren Verlauf der Erkrankung schützen können.“

Welche Therapien sind das?

Dr.  Christian Petrik: „Es handelt sich beispielsweise um spezielle antivirale Medikamente, die von den Ärzt:innen verschrieben werden. Die Patient:innen nehmen diese selbstständig zu Hause ein. Sollte es also trotz aller Schutzmaßnahmen zu einer Erkrankung kommen, können diese Medikamente Personen mit einem erhöhten Risiko vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen. Betroffene Personen sollten dazu mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin sprechen.“

Wenn es Therapien gegen COVID-19 gibt, warum dann noch impfen?

Dr. med. Christian Petrik: „Eine Impfung stellt weiterhin die beste Prävention vor einer SARS-CoV-2-Infektion dar. Sie ist auch der beste Schutz, um nach einer SARS-CoV-2-Infektion einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf zu verhindern. Darüber hinaus reduziert die Impfung auch das Risiko, andere Menschen anzustecken."[iii]

Gibt es Medikamente, die mich zur/zum Risikopatient:in machen?

„Ja, das kann der Fall sein. Dabei sind Substanzen gemeint, die ins Immunsystem eingreifen und so die Abwehr viraler Infektionen beeinträchtigen können. Das können Immunsuppressiva, aber unter anderem auch Chemotherapeutika sein.[iv]

Welche Virus-Varianten sind im Umlauf und wie schätzen Sie sie ein?

Dr. Christian Petrik: „Das Coronavirus ist meisterhaft darin, sich fortlaufend anzupassen. So schafft es für sich die besten Voraussetzungen, um sich zu verbreiten. Und das stellt nach wie vor eine große Herausforderung im Kampf gegen COVID-19 dar. Das RKI führt die Omikron-Variante inklusive ihrer Subvarianten als besorgniserregende Virusvarianten und folgt hier der Klassifizierung durch die WHO.[v] Seit Mitte des Jahres hat die Omikron-Linie BA.5 in Deutschland mit einem Gesamtanteil von über 90 Prozent andere Varianten fast vollständig verdrängt. Auch der Anteil bestimmter Sublinien von BA.5 nimmt in Deutschland weiter zu. Gerade die neuen Sublinien BQ.1 und BQ.1.1 sollen deutlich ansteckender als ihre Vorgänger sein.[vi] Eine Erhöhung der Krankheitslast wird jedoch durch das RKI zurzeit nicht gesehen."[vii]

Wie schätzen Sie die Risiken durch die zusätzliche, alljährliche Grippewelle ein?

Dr. Christian Petrik: „Das ist ein wichtiger Punkt, denn die Grippe ist durch die Pandemie ebenso aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden wie andere Atemwegserkrankungen. Für diesen Winter erwarten Expert:innen wieder deutlich mehr Grippefälle.[viii] Tatsächlich sind die Grippe-Impfquoten seit Jahren zu niedrig, obwohl es auch schwere Influenza-Verläufe gibt. Gerade für Risikopatient:innen ist eine Grippeimpfung essentiell, um dem vorzubeugen. Personen, die ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, sind bei Grippe und COVID-19 übrigens sehr ähnlich: Insbesondere ältere Menschen ab 60 Jahren und Menschen mit Grunderkrankungen.“

Welche Symptome sind typische Anzeichen für COVID-19?

Dr. Christian Petrik: „Grundsätzlich sind die Anzeichen für COVID-19 Grippesymptomen sehr ähnlich. Das sind beispielsweise Husten, Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen, allgemeine Schwäche, Atemnot, aber auch eine Störung des Geruchs- oder Geschmackssinnes. Um Gewissheit zu haben, ob es sich um SARS-CoV-2 handelt, ist es wichtig, sich testen zu lassen. Es gibt aber noch weitere Symptome, die sich von Anzeichen einer Grippe oder anderen Atemwegserkrankung unterscheiden. Dazu können Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, Bindehautentzündung oder auch Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall gehören."[ix]

Ab wann spricht man von einem „schweren Verlauf“?

Dr. Christian Petrik: „Wenn wir von schweren Verläufen sprechen, kann es beispielsweise zu einer Lungenentzündung und gegebenenfalls notwendiger Beatmung kommen oder es werden andere Organe als Folge von COVID-19 geschädigt.[x] Wichtig ist zu verstehen, dass die Viren nicht direkt die Schäden verursachen, sondern die mit der Infektion einhergehende Entzündungsreaktion im Köper. Was viele Menschen nicht wissen: Prinzipiell kann selbst bei anfangs leichten Symptomen später ein schwerer COVID-19-Verlauf eintreten. Daher sollten vor allem Risikopatient:innen auch vermeintlich harmlose Anzeichen nicht ignorieren.“

Viele Menschen leiden noch Wochen nach der SARS-CoV-2-Infektion an Beschwerden. Was deutet auf Post COVID bzw. Long COVID hin?

Dr. Christian Petrik: „Bislang lässt sich kein einheitliches Krankheitsbild abgrenzen und die zugrunde liegenden Mechanismen sind noch nicht klar. Es werden sehr unterschiedliche Symptome berichtet, die über Wochen und Monate fortbestehen können, phasenweise wieder auftreten oder auch neu auftreten können. Zu den häufig genannten Beschwerden zählen Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit, Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Muskelschwäche und -schmerzen sowie psychische Probleme wie depressive Symptome und Ängstlichkeit. Sie können allein oder in Kombination auftreten. Auch eine Verschlechterung der Lungenfunktion sowie Leber- und Nierenfunktionseinschränkungen, Herzmuskelentzündungen und das Neuauftreten eines Diabetes mellitus werden beobachtet. Die Datenlage bei Kindern und Jugendlichen ist noch eingeschränkt."