Verlustangst: Woher sie kommt und wie man sie überwindet

Verlustangst ist ein Gefühl, das jeder kennt. Eine nahestehende Person zu verlieren, möchte niemand erleben – das ist normal. Kreisen die Gedanken jedoch ständig darum, dass man jederzeit seinen Partner oder ein Familienmitglied verlieren könnte, ist die Grenze des Normalen überschritten. Alles zu Symptomen, Ursachen und wie man Verlustangst überwinden kann.

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In begrenztem Maße ist Verlustangst ein normales Gefühl, das uns in Beziehungen – nicht nur in romantischen – begleitet. Die Vorstellung, eine geliebte Person durch eine Krankheit, einen Unfall oder eine Trennung zu verlieren, löst natürlicherweise Angst aus. Verlustangst zeigt mitunter, wie wichtig und wertvoll ein Mensch für uns ist. Doch wenn sich die Verlustangst bei jedem noch so kleinen Anlass bemerkbar macht und den Alltag dominiert, sollten Betroffene die Ursachen ergründen.

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und hält sich den Kopf
Bei einer Verlustangst sind Betroffene ständig in Sorge, einen geliebten Menschen zu verlieren Foto: istock_spukkato

Was ist Verlustangst?

Verlustangst beschreibt die Angst davor, eine geliebte Person zu verlieren. Zwar kann sich die Angst, jemanden zu verlieren, potentiell auf jede nahestehende Person richten und sich auch in Freundschaften zeigen. Jedoch ist die Verlustangst in Paarbeziehungen besonders stark ausgeprägt. Pathologisch wird diese Angst, wenn sie nicht durch eine reale Bedrohung ausgelöst wird und die Lebensqualität stark beeinträchtigt – dann handelt es sich um eine Angststörung.

Bei Verlustangst wird alles den Anstrengungen untergeordnet, eine Trennung abzuwenden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die eigenen Bedürfnisse durch den Partner oder die Partnerin erfüllt werden oder ob man glücklich in der Beziehung ist. Die Angst vor einer Trennung ist so groß, dass Betroffene eine emotionale Abhängigkeit entwickeln und daher oft in ungesunden, toxischen Beziehungen bleiben.

Woher kommen Verlustängste?

Meist sind bei einer Verlustangst die Ursachen auf die Kindheit zurückzuführen. Frühkindliche Traumata, wie der Tod einer nahestehenden Person oder die Trennung der Eltern können sie auslösen – vor allem dann, wenn die Erfahrung nicht verarbeitet und ein gesunder Umgang damit nie erlernt wurde.

Ein erneuter Verlust im Erwachsenenalter, z.B. durch eine unerwartete Trennung vom Partner, lässt die Betroffenen das unverarbeitete Trauma der Kindheit wieder durchleben. Denn Verlustangst bei Kindern ist kein temporärer Zustand, der sich von alleine wieder normalisiert, sondern ein Gefühl, das unterschwellig jede Beziehung des Betroffenen im Erwachsenenalter beeinflusst.

Es müssen jedoch nicht immer traumatische Erlebnisse hinter Verlustängsten stecken. Auch der Erziehungsstil kann dazu beitragen. So können etwa überängstliche Eltern, die möglicherweise selbst unter Verlustängsten leiden, ihre Angst auf das Kind projizieren. Das geht oft Hand in Hand mit der Erziehung zur Unselbstständigkeit, die die Angst vor dem Alleinsein beim Kind fördert. Ebenso kann eine starke Vernachlässigung in der Kindheit ein ungesundes Bindungsverhalten im Erwachsenenalter zur Folge haben.

Beziehung kann Verlustangst triggern

Negative Kindheits- und Beziehungserfahrungen können eine Verlustangst entstehen lassen. Allerdings tritt sie in einer Beziehung nicht immer in Erscheinung. Manchmal wird Verlustangst durch das Verhalten des:der Partner:in ausgelöst: Fremdgehen oder Micro-Cheating, wiederholtes Lügen und Unzuverlässigkeit rufen natürlicherweise Unsicherheit in Bezug auf die Liebe des:der Partner:in und und auf die Stabilität der Beziehung hervor.

Verlustangst: Die Ursachen im Überblick

  • Verlusterfahrungen in der Kindheit

  • emotionale Vernachlässigung in der Kindheit

  • überängstliche Eltern

  • negative Beziehungserfahrungen

  • als traumatisch erlebte Trennungen in der Vergangenheit

  • Angst vor dem Alleinsein durch erlernte Hilflosigkeit

Verlustangst: Symptome und Anzeichen in Beziehungen

In Beziehungen macht sich starke Verlustängste durch typische Anzeichen wie Eifersucht, Klammern, Kontrollverhalten und Trennungsangst bemerkbar. In jedem freundschaftlichen Kontakt und in Unabhängigkeitsbestrebungen des Partners werden Gefahren für die Beziehung gewittert.

Betroffene versuchen mit allen Mitteln, eine Trennung zu verhindern – auch dann, wenn sie unglücklich sind und ihnen die Beziehung nicht guttut. Weil sie dem Partner keinen Trennungsgrund geben möchten, verhalten sich die Betroffenen extrem angepasst. Sie...

  • sind nachgiebig,

  • haben Schwierigkeiten damit, „nein“ zu sagen,

  • behalten ihre Bedürfnisse für sich,

  • gehen Diskussionen aus dem Weg und

  • reagieren panisch bei einem Streit.

Zudem brauchen Menschen mit Verlustangst viel Bestätigung und Anerkennung von ihrem Partner, um sich ihrer Liebe sicher zu sein. Bleibt das aus, kann das die Verlustängste mit ihren negativen Begleiterscheinungen befeuern. Die emotionale Abhängigkeit vom Partner und das Kontrollverhalten können die Beziehung belasten und zwangsläufig in einer Trennung münden. Die eigene Verlustangst treibt den Partner letztendlich dazu, das zu tun, wovor man am meisten Angst hat: verlassen zu werden.

Negative Beziehungserfahrungen und die Angst vor einer erneuten Trennung können dazu führen, dass Betroffene eine Bindungsangst entwickeln. In Beziehungen halten sie ihren Partner auf Abstand oder sie gehen erst gar keine Beziehung ein, um nicht erneut Trennungsschmerz spüren zu müssen.

Verlustangst: Auch körperliche Symptome möglich

Die Angst vor dem Verlassenwerden kann sich auch körperlich manifestieren – besonders in Situationen, in denen ein Beziehungsende möglich erscheint, etwa, wenn offen über eine Trennung gesprochen wird.

Betroffene können dann folgende Angstsymptome entwickeln:

  • Schweißausbrüche

  • Schwindel

  • Kopfschmerzen

  • Magenschmerzen

  • Übelkeit und Erbrechen

Verlustangst bekämpfen: Therapie bei starken Ängsten

Wenn die Verlustangst so stark ist, dass sie mit einem hohen Leidensdruck einhergeht und sie immer wieder zu Beziehungsabbrüchen führt, sollten Betroffene gemeinsam mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin den Ursachen auf den Grund gehen. Denn Verlustangst kann eine Depression zur Folge haben.

Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie können falsche Überzeugungen, die der Verlustangst zugrunde liegen, erkannt und korrigiert werden, während in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie unverarbeitete Traumata aufgearbeitet werden.

Verlustangst überwinden: Selbsttherapie in 5 Schritten

Es ist nicht in jedem Fall notwendig, sich einer Therapie zu unterziehen, wenn man merkt, dass man an seinem Beziehungsverhalten arbeiten muss. Oftmals reicht schon die Einsicht und der Wille zur Veränderung, damit die Verlustangst den Beziehungsalltag nicht mehr beeinträchtigt.

Folgende Tipps und Übungen tragen dazu beitragen, Verlustängste zu überwinden und mehr Kontrolle über das eigene Verhalten zu gewinnen:

  1. Um destruktive Verhaltensweisen aufzulösen, ist es wichtig, die eigene Angst zu verstehen: Wodurch wird die Verlustangst ausgelöst? In welchen Situationen zeigt sie sich typischerweise und warum? Tagebuch zu führen, kann dabei helfen, ein Bewusstsein für die eigenen Verhaltensmuster zu entwickeln.

  2. Jede Angst verliert ihre Wirkkraft, wenn man über sie spricht und sie einem Realitätscheck unterzieht. Der wichtigste Gesprächspartner sollte der oder die Beziehungspartner:in sein. Wenn Betroffene offen über ihre Ängste reden, lassen sich viele Beziehungsprobleme, die aus den Verlustängsten resultieren, vermeiden.

  3. Entspannungs- und Achtsamkeitsmethoden wie Yoga und Meditation helfen dabei, negative Gedankenspiralen zu stoppen und sich nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen.

  4. Wenn sich die Verlustangst bemerkbar macht, versuchen Betroffene sich bei ihrem:ihrer Partner:in rückzuversichern – das kann für beide Seiten anstrengend sein. Deswegen raten Psycholog:innen Betroffenen dazu, die Angst zuzulassen und ganz bewusst zu spüren, ohne sie loswerden zu wollen. Das alleine kann beruhigend wirken und die Angst reduzieren. Auf Dauer kann man dadurch sein Selbstbewusstsein stärken und Ohnmachtsgefühlen entgegenwirken.

  5. Verlustangst führt dazu, dass sich Betroffene zu stark auf die Beziehung konzentrieren. Doch wenn das persönliche Glück ganz allein von dem:der Partner:in abhängig ist, verstärkt das die Angst vor einer Trennung. Darum ist es für Betroffene wichtig, ihren Hobbys und Interessen nachzugehen und ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Je vielfältiger das eigene Leben ist, desto mehr löst sich die emotionale Abhängigkeit in der Beziehung auf.

Auch wenn es viel Arbeit bedeutet und es ein langwieriger Prozess ist, können Betroffene durch eine Kombination aus (Selbst-)Therapie, Achtsamkeit und Offenheit gegenüber dem:der Partner:in ihre Verlustangst überwinden und ein gesundes Beziehungsverhalten entwickeln.

Quellen:

Trennungsangststörung im Erwachsenenalter: Häufig nicht erkannt, in: Ärzteblatt

Verlustangst, in: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik