RS-Virus 2022/2023: Impfstoff-Zulassung schon dieses Jahr?

Das RS-Virus ist vor allem für Kleinkinder und Säuglinge sehr gefährlich. Nun hat ein Unternehmen einen Impfstoff entwickelt – doch der soll nur für Menschen ab 60 Jahren zugelassen werden. Die Hintergründe im Überblick.

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+++18.01. RS-Virus dominiert weiterhin in Kliniken+++

Das RS-Virus hat im letzten Jahr mit solcher Wucht zugeschlagen, dass die ohnehin schon zu knapp ausgestatteten Kinderkliniken heillos überlastet waren. Krankenhäuser, Kinderarztpraxen und auch Schulen gingen in mehreren Fällen in den Notbetrieb über. Mittlerweile sinkt die Zahl der Betroffenen von akuten Atemwegserkrankungen – doch der Anteil der 0-4-jährigen Patient:innen, die mit einer RSV-Diagnose hospitalisiert werden, ist laut dem Wochenbericht des RKI gerade wieder auf 61 Prozent gestiegen.

Eine RSV-Infektion kann für Kleinkinder und Säuglinge sehr gefährlich sein, insbesondere bei Risikogruppen (Kinder mit angeborenen Herzfehlern, Immundefekten, Trisomie 21, Muskelerkrankungen) kann es zu einer schweren Bronchitis oder Lungenentzündung kommen. Erwachsene müssen in der Regel nur mit leichten Symptomen rechnen. Etwas widersprüchlich scheint nun der Impfstoff gegen RSV, für den noch dieses Jahr die Zulassung beantragt werden soll.

Ein Säugling auf der Intensivstation
Besonders Säuglinge und Kinder mit Vorerkrankungen sind durch das RS-Virus gefährdet Foto: iStock/Perboge

Impfstoff nur für Personen ab 60 Jahren

Das US-amerikanische Unternehmen Moderna hat einen Impfstoff gegen das RS-Virus entwickelt, der in einer Phase-3-Studie „vielversprechende Ergebnisse“ geliefert hat, teilten die Forschenden gestern Abend mit. „Wir fanden heraus, dass die Verwendung des Impfstoffs das Risiko einer bestätigten schweren RSV-Erkrankung um knapp 84 Prozent reduziert“, erklärte Paul Burton, der Leiter der Medizin bei Moderna. Bei den Untersuchungen wurde die Wirksamkeit von „mRNA-1345“ gegen RSV-bedingte Erkrankungen der unteren Atemwege mit zwei oder mehr Symptomen analysiert.

Der mRNA-Impfstoff liefert dabei einen Teil der Erbinformation des Virus in die menschlichen Zellen, die daraufhin ein Protein des Erregers produzieren, gegen das der Körper Abwehrreaktionen entwickelt. Wenn das Immunsystem erneut mit dem Erreger in Kontakt kommt, erkennt es das Protein wieder und kann das Virus schneller und gezielter bekämpfen. „In diesem Impfstoff kapseln wir diese Boten-RNA in dasselbe Lipid ein, das wir auch für den Covid-Impfstoff verwenden, der weltweit bei Hunderten Millionen Menschen eingesetzt wird“, sagt Burton.

Die Zulassung für den Impfstoff soll noch in der ersten Jahreshälfte beantragt werden. Allerdings: Nur für Personen ab 60 Jahren.

Impfung für Risikogruppen soll folgen

Obwohl das Virus vor allem für Kleinkinder und Säuglinge gefährlich ist, wird ein Impfstoff für Ältere entwickelt – das mag zunächst widersprüchlich klingen, hat jedoch einen simplen Grund. Denn an der Studie zur Prüfung der Wirksamkeit nahmen etwa 37.000 Menschen aus 22 Ländern teil – alle ab 60 Jahren. Demzufolge gibt es noch keine validen Daten zur Wirkung von „mRNA-1345“ bei den Jüngsten der Bevölkerung. Die Bereitschaft an solchen Untersuchungen teilzunehmen ist bei Erwachsenen generell höher als bei Kindern. Dennoch zeigt sich Burton optimistisch: „Wir haben noch fünf weitere laufende Programme für Kleinkinder, schwangere Mütter und eine Reihe anderer Bevölkerungsgruppen. Diese Daten werden wir in den kommenden Monaten ebenfalls veröffentlichen.“

Darüber hinaus sei das Ziel, Impfstoffe gegen mehrere Atemwegsviren zu kombinieren, beispielsweise gegen Corona und RSV. Diese Studien seien allerdings noch schwieriger durchzuführen und benötigen mehr Zeit. „Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren in der Lage sein sollten, diese Kombinationsimpfstoffe zu entwickeln, die wirklich einen sehr umfassenden Schutz der öffentlichen Gesundheit bieten würden“, fasst Burton den Plan für die Zukunft zusammen.  

+++16.12. Klinik-Lage weiterhin angespannt+++

Die Lage in den Kinderkrankenhäusern bleibt dramatisch. Die Zahl der freien stationären und Intensivbetten sinkt stetig. Neben Patient:innen werden nun auch immer mehr Mitarbeitende krank. Es werden unter anderem Operationen verschoben, um die Notfall-Versorgung sicherzustellen. Neben dem RSV-Virus trägt auch die Grippewelle 2022/2023 zur extremen Lage in Kliniken bei – und mittlerweile nicht mehr nur dort.

Auch Kinderarztpraxen merken den extremen Anstieg der RSV- und Atemwegserkrankungen und sind am Limit. Der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, sagt: „Die Belastung in den Praxen ist kaum noch zu beschreiben, wir behandeln täglich bis zu 200 Patienten, was auf Dauer so nicht zu leisten ist“.

Immer mehr Einrichtungen im Notstand

Nicht nur Krankenhäuser und Kinderarztpraxen berichten, dass sie nur noch im Notbetrieb sind, sondern auch immer mehr Schulen. In einer brandenburgischen Schule sind alle Lehrkräfte ausgefallen. In Hamburg soll sich jede sechste Lehrkraft krankgemeldet haben. Viele Eltern liegen selbst mit Symptomen im Bett, andere müssen sich um ihre Kinder kümmern.

Die Haupterkrankungen: RSV und Grippe. Dabei wird beobachtet, dass sich das Infektionsgeschehen in Hinblick auf das Alter der Infizierten verändert. Ende November erkrankten vor allem Kinder, jetzt sind laut Statistik zunehmend Jugendliche und Erwachsene bis 59 Jahre betroffen. Während das RS-Virus für Kinder sehr gefährlich sein kann, ist bei Erwachsenen in der Regel nur mit leichten Symptomen zu rechnen.

+++02.12. RS-Virus: So ernst ist die Lage+++

„Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagte der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, Michael Sasse, gegenüber dem NDR. In diesem Herbst müssen deutlich mehr Kinder aufgrund von Atemwegserkrankungen in Krankenhäusern versorgt werden als üblich.

Die meisten Infektionen gehen dabei auf das sogenannte RS-Virus (Respiratorischen Synzytial-Virus oder RSV) zurück, dass insbesondere Säuglinge und Kleinkinder schwer treffen kann. Die Kinder befinden sich teils im lebensbedrohlichen Zustand und müssen künstlich beatmet werden.

Kinderkliniken und Kinderstationen sind mit dem Aufkommen des RS-Virus 2022/2023 derart überlastet, dass kleine Intensivpatient:innen auf der Normalstation betreut werden müssen, Eltern mit ihren Babys in der Notaufnahme nächtigen und kleine Kinder in weit entfernte Krankenhäuser verlegt werden. Dazu kommt der gravierende Personalmangel in den medizinischen Einrichtungen.

Starke RS-Welle 2022/2023 aufgrund wegfallender Schutzmaßnahmen

Der Grund, warum die Lage sich so zugespitzt hat: Während in „normalen“ Jahren die meisten Kinder eines Jahrgangs ihre erste Infektion mit dem RS-Virus durchmachen, sind es jetzt die Kinder von drei Jahrgängen – denn durch das plötzliche Wegfallen der Corona-Maßnahmen wie Maskentragen werden jetzt alle Infektionen „nachgeholt“, die in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen sind.

In der Regel hat die Mehrzahl der Kinder den ersten Kontakt mit dem Virus innerhalb der ersten zwei Lebensjahre; momentan müssen aber auch Kinder ärztlich betreut werden, die erst mit drei oder vier Jahren zum ersten Mal an RSV erkrankt sind. Denn durch die Corona-Schutzmaßnahmen sind sie dem Virus schlicht noch nicht „begegnet“.

Das RS-Virus birgt immer das Risiko eines schweren Verlaufs – vor allem für Säuglinge und Kinder mit Vorerkrankungen. Doch in den vergangenen Jahren konnten diese schwer erkrankten Kinder angemessen in Kliniken behandelt werden – jetzt kann häufig keine optimale Versorgung mehr gewährleistet werden, denn die Kinderstationen sind zum großen Teil überfüllt.

Betten in Kinderkliniken werden knapp

„Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei“, mahnte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) laut tagesschau.de. Nur noch 83 freie Betten gibt es demnach insgesamt auf pädiatrischen Kinderintensivstationen in der ganzen Bundesrepublik; also weniger als ein freies Bett pro Standort.

„Die Situation in der Kindermedizin und Kinderintensivmedizin ist bereits auch ohne RSV-Welle so angespannt, wie seit 20 Jahren nicht“, sagte Florian Hoffmann, Generalsekretär der DIVI (Deutsch Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) und Oberarzt im von Haunerschen Kinderspital München gegenüber watson.de. In mehreren Bundesländern, darunter Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, gebe es kaum mehr freie Kinderbetten in Krankenhäusern.

RS-Virus 2022/2023: Was können Eltern tun?

Hoffmann rät Eltern mit Kindern mit Vorerkrankungen oder Geschwisterkindern unter zwei Jahren, das Kind wenn möglich für einige Wochen nicht zur Kita zu schicken, um das Infektionsrisiko zu verringern und die Jüngsten in der Familie zu schützen.

Einen hundertprozentigen Schutz vor RSV gibt es allerdings nicht. Und die meisten Kinder können die Infektion auch zu Hause auskurieren, ohne in eine Klinik zu müssen. Ruhe und viel Flüssigkeit sind wie bei allen Atemwegserkrankungen die obersten Regeln für eine schnelle Genesung. Dabei gilt in jedem Fall: Kinder mit Krankheitssymptomen sollten zu Hause gelassen werden, um die Verbreitung von RSV und anderen Atemwegserkrankungen nicht noch weiter voranzutreiben.

Kindermediziner:innen rechnen damit, dass der Höhepunkt der Infektionswelle mit dem RS-Virus 2023/2023 noch nicht erreicht ist – sie haben darum große Sorge, nicht allen kleinen Patient:innen gerecht werden zu können.