Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol: Das kann passieren

Alkohol kann gesellig, emotional oder aggressiv machen – aber warum genau kommt es scheinbar zu einer Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol kommen? Und wie verändert Alkohol langfristig das Wesen eines Menschen?

Ein Mann sitzt auf dem Sofa und trinkt Alkohol
Eine Persönlichkeitsveränderung kann ein Warnzeichen für einen problematischen Alkoholkonsum sein Foto: iStock_eclipse_images

Alle haben schon einmal die Wirkung von Alkohol an anderen Menschen beobachten können: Da wird nach ein paar Gläsern Bier aus dem Partymuffel eine Stimmungskanone und die zurückhaltende Introvertierte macht die Tanzfläche unsicher. Eine Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol ist das Ergebnis von veränderten neuronalen Prozessen, die nicht immer nur kurzfristig anhalten.

Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol schon nach kurzer Zeit

Alkohol dämpft über Botenstoffe die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn. Besonders betroffen davon ist der präfrontale Kortex. Dieses Gehirnareal ist für die Impulskontrolle und das Planen von Handlungen zuständig, es ist jedoch auch wichtig für die Emotionsregulierung. Denn der präfrontale Kortex hat Verbindungen zum limbischen System, das der Verarbeitung von Emotionen dient.

Der (direkte und indirekte) Einfluss von Alkohol in diesen beiden Bereichen des Gehirns bringt eine Reihe von spürbaren Effekten mit sich: Informationen werden fehlerhaft verarbeitet, die Wahrnehmung ist getrübt und das Urteilsvermögen nimmt ab. Zudem kann die gestörte Emotionsregulierung überbordende Gefühle zur Folge haben.

Mit jedem Glas Alkohol mehr fällt es immer schwerer, das eigene Verhalten an die gegebene Situation und soziale Normen anzupassen – die Selbstkontrolle weicht einem enthemmten Verhalten. Weil das Gehirn unter Alkoholeinfluss mehr von den Glückshormonen Serotonin und Dopamin bildet, verschwinden negative Gefühle. Stattdessen kommen eine ausgelassene Stimmung und Wohlbehagen auf.

Diese biochemischen Veränderungen im Gehirn können sich auf unterschiedliche Weise im Verhalten alkoholisierter Menschen niederschlagen. Jedoch haben die gedämpfte Informationsverarbeitung und die gestörte Emotionsregulation typische Ausdrucksformen, die besonders bei ansonsten schüchternen oder introvertierten Menschen den Anschein einer Persönlichkeitsveränderung erwecken: Sie werden unter Alkoholeinfluss plötzlich redselig, geben Einblick in ihr Gefühlleben und trauen sich Dinge, die sie im nüchternen Zustand nicht tun würden.

Mögliche Begleiterscheinungen der gestörten Emotionsregulierung können jedoch auch Aggressivität und eine erhöhte Gewaltbereitschaft sein.

Studie: Wie verändert Alkohol die Persönlichkeit?

Aber bewirkt Alkohol tatsächlich eine Persönlichkeitsveränderung? Eine vielzitierte US-amerikanische Studie der University of Missouri aus dem Jahre 2017 zeigt, dass sich alkoholisierte Menschen von außen betrachtet nicht so stark verändern, wie sie selbst annehmen. Die 156 Studienteilnehmer:innen nahmen sich unter Alkoholeinfluss als weniger gewissenhaft und verträglich wahr, zugleich aber auch als emotional stabiler und extravertierter.

Neutrale Beobachter:innen, die anhand von Videoaufnahmen das Verhalten der Proband:innen sowohl im nüchternen als auch im alkoholisierten Zustand beurteilen sollten, sahen hingegen nur Veränderungen im Hinblick auf die Interaktion mit anderen Menschen: Unter Alkoholeinfluss schienen sie geselliger, aktiver und durchsetzungsstärker zu sein.

In der Psychologie wird zwischen fünf großen Persönlichkeitsdimensionen („Big Five“) unterschieden, anhand derer die Persönlichkeit eines Menschen erfasst werden kann:  

  • Extraversion: Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen

  • Offenheit: Interesse an neuen Dingen und Erfahrungen

  • Verträglichkeit: kooperatives und tolerantes Verhalten

  • Gewissenhaftigkeit: Genauigkeit und Fähigkeit zur Selbstkontrolle

  • Neurotizismus: starkes Erleben von negativen Gefühlen, Neigung zu Angst, Depressionen, Unsicherheit und emotionale Labilität

Unabhängig vom Persönlichkeitstyp sorgt Alkohol laut der Studie dafür, dass die Extraversion zunimmt und der Neurotizismus abnimmt: Man wird geselliger und verspürt weniger negative Gefühle. Das bedeutet, dass bestimmte Merkmale der Persönlichkeit dominanter werden.

Langfristige Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol

Diese Veränderungen halten nur einige Stunden an – am nächsten Morgen, wenn der Großteil des Alkohols im Körper abgebaut ist, ist davon nichts mehr zu spüren. Aber was macht es mit dem Gehirn und damit zugleich mit der Persönlichkeit, wenn regelmäßig zu viel Alkohol konsumiert wird?

Wissenschaftler:innen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim haben bereits vor rund acht Jahren durch Versuche an Ratten zutage gebracht, dass Alkohol Nervenzellen umbaut, besonders jene im präfrontalen Kortex. Die kurzfristigen Auswirkungen eines Rauschs werden durch Alkoholismus dauerhaft: Betroffene leiden unter Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie unter einer geminderten Leistungsfähigkeit. Alleine dadurch kann es zu einer Persönlichkeitsveränderung kommen, wenn Betroffene etwa eine ungewohnte Unzuverlässigkeit an den Tag legen.

Zudem kreist der Alltag bei Alkoholismus mit zunehmender Schwere der Abhängigkeit ums Trinken, wodurch Betroffene immer mehr Desinteresse an anderen Menschen, früheren Hobbies und ihrem Beruf zeigen. Entzugserscheinungen können außerdem Ängstlichkeit und Aggressivität fördern, auch wenn das für Betroffene untypisch ist.

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt riskanter Alkoholkonsum vor, wenn Frauen mehr als zwölf Gramm Alkohol täglich zu sich nehmen (entspricht einem Glas Sekt). Für Männer liegt die Grenze bei 24 Gramm täglich (entspricht einem halben Liter Bier). Für eine Alkoholsucht spricht ein starkes inneres Verlangen nach Alkohol, eine Regelmäßigkeit des Konsums und die Unfähigkeit zur Kontrolle des Trinkverhaltens.

Durch Alkohol Persönlichkeitsveränderung: Zusammenhang zu Depressionen

Eine Persönlichkeitsveränderung durch Alkoholismus ist häufig durch eine Depression vermittelt: Datenerhebungen zeigen, dass rund ein Drittel der Menschen, die eine Alkoholabhängigkeit aufweisen, gleichzeitig auch an Depressionen leiden. So dient Alkohol oftmals als vermeintliches Mittel, um Sorgen und Ängste aufzulösen und Unsicherheit zu überspielen.

Allerdings kehrt sich die stimmungsaufhellende Wirkung auf Dauer um: Mit jedem Rausch wird das Gehirn mit Glückshormonen überflutet. Als Reaktion darauf wird die körpereigene Serotonin- und Dopamin-Produktion gedrosselt, was die emotionale Labilität noch verstärkt.

Aber auch schon nach nur einem alkoholreichen Abend können kurzzeitig depressive Symptome auftreten. Dieses Phänomen wird als „Hangxiety“ bezeichnet: Befindet sich Alkohol im Blut, kurbelt das Gehirn die Produktion von aufputschenden Substanzen an, damit der Körper trotz der sedierenden Wirkung des Alkohols bewegungsfähig bleibt. Diese Substanzen befinden sich dann noch im Blut, wenn der Alkohol schon längst abgebaut wurde. Dadurch kann der Kater am Folgetag von innerer Unruhe und Angstzuständen begleitet werden.  

Wesensänderung durch Alkohol – was können Angehörige tun?

Eine massive Persönlichkeitsveränderung durch Alkohol kann ein deutlicher Hinweis dafür sein, dass der Konsum suchtartige Formen angenommen hat – Angehörige können sich in diesem Fall an Suchtberatungsstellen wenden, die über das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gefunden werden können.

Depression: Wo finde ich Hilfe?

Wenn Sie sich ständig erschöpft und traurig fühlen oder unter Schlafproblemen leiden, kann dies auf eine Depression hindeuten. Spätestens nach zwei Wochen Niedergeschlagenheit ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Auf der Website der Deutschen Depressionshilfe finden Sie verschiedene Anlaufstellen. Dort sind auch Adressen für Notfälle gelistet. Bei konkreten Suizidgedanken ist es wichtig, die nächstgelegene Klinik mit psychiatrischer Notaufnahme aufzusuchen.

Bei akuten Sorgen oder Ängsten können Sie jederzeit anonym die Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800/111 0 111 oder 116 123 anrufen.

Wenn Sie nicht selbst betroffen sind, aber depressive Symptome bei anderen bemerken, erhalten Sie auf der Website der Deutschen Depressionshilfe konkrete Handlungsempfehlungen. Besteht eine konkrete Suizidgefahr ist es wichtig, sofort den Rettungsdienst unter 112 oder die Polizei zu verständigen.

Quellen:

Risikofaktor Alkohol, in: stiftung-gesundheitswesen.de  

Dossier: Alkohol – Burnout – Depression: Schicksalhafte Wechselwirkungen, in: aerztezeitung.at

An Experimental Investigation of Drunk Personality Using Self and Observer Reports, in: journals.sagepub.com