Lauterbach zum OP-Streik: Ärzte erpressen zu Lasten der Patienten!

Aus Geldgründen verweigern Ärzt:innen momentan auf unbestimmte Zeit Operationen. Das Unverständnis in der Bevölkerung, unter Expert:innen und Poltiker:innen ist groß – Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach spricht sogar von Erpressung. Um welche OP es geht, was gefordert wird und wo Sie im Notfall Hilfe finden.

Lauterbach bei einer Konferenz
Karl Lauterbach ist über den jüngsten Ärzte-Streik entsetzt Foto: IMAGO / Jürgen Heinrich

Alle Kolleginnen und Kollegen, die uns derzeit wegen des Notstands schreiben, sind zu Protestmaßnahmen bereit. Die möglichen Aktionen reichen von Informationskampagnen, gemeinsam mit den Eltern der Patienten, bis zur temporären oder gänzlichen Einstellung der operativen Tätigkeit“, warnte der Präsident des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte, Priv.-Doz. Dr. Jan Löhler in einer Pressemitteilung. Und jetzt ist es tatsächlich so weit: Bundesweit werden ab sofort keine neuen Termine für Mandeloperationen bei Kindern vergeben. Worum es bei dem Streik geht, wie er in der Bevölkerung ankommt und was Eltern jetzt unbedingt wissen müssen.

Deshalb werden Mandel-OPs bei Kindern ausgesetzt

Während die Krankenhäuser zuletzt Milliardenhilfen für die gestiegenen Kosten durch die Inflation und die Energiepreise zugesprochen bekommen haben, wurde für Arztpraxen kein entsprechender Ausgleich angekündigt. Zudem sind mit dem Beginn des Jahres 2023 im Rahmen der Teilreform des ambulanten Operierens Kürzungen der Erstattungsbeträge vorgenommen worden.

Seit Januar zahlen die gesetzlichen Krankenkassen für den Standardeingriff der Adenotomie, bei der die Rachenmandel operativ mit Parazentese und Paukenröhrcheneinlage entfernt wird, nur noch rund 105 Euro. Für die sogenannte Lasertonsillotomie, einer Mandelkappung, gibt es etwa 170 Euro. „Die Vergütung ist mittlerweile so schlecht, dass die verantwortlichen Ärzte bei jedem Eingriff draufzahlen müssen. Gleichzeitig werden die Operateure von Anfragen für die Eingriffe überrannt“, kritisiert Löhler.

Der Großteil der HNO-Ärzt:innen befürwortet den Streik

Durch die Preissenkung der Krankenkassen bieten viele ambulante Ärzt:innen schon gar keine Mandel-OPs mehr an, was zu einer Wartezeit von aktuell vier bis fünf Monaten führt. Diese wird sich nun noch weiter ziehen – denn laut einer Umfrage des HNO-Berufsverband wollen sich 85 Prozent der ambulaten Operateur:innen an dem Streik beteiligen.

„Wenn nicht sofort etwas geschieht und das ambulante Operieren in diesem Bereich deutlich aufgewertet wird, werden die Kinder nicht mehr die benötigte Versorgung erhalten und von langfristigen Entwicklungsstörungen betroffen sein“, beschreibt Löhler in der Pressemitteilung die dramatische Folge für die Kleinsten der Bevölkerung. Damit steht auch fest: Eine Wiederaufnahme der Operationen soll erst bei einer besseren Vergütung stattfinden – solange werden sie jetzt ausgesetzt.

Harte Kritik von allen Seiten

Das Entsetzen der Bevölkerung über diesen Schritt kann man erahnen. Insbesondere Eltern mit betroffenen Kindern (und auch Erwachsene, bei denen die Mandeln noch entfernt werden müssen) sind wahrscheinlich schockiert. Sowohl der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung als auch der Bundesgesundheitsminister bezeichnen den Streik als „unethisch“. Karl Lauterbach geht sogar noch weiter und spricht gegenüber der Bild am Sonntag von Erpressung: „Kinder leiden zu lassen, um höhere Honorare zu erpressen, ist unethisch und inakzeptabel.“

Die harte Kritik scheint jedoch an den HNO-Ärzt:innen vorbeizugehen, denn sie halten weiter an ihrem Vorhaben fest.

Wo Sie jetzt noch Hilfe finden

Häufig handelt es sich bei der OP nicht um einen Notfall, sondern um eine aufschiebbare Behandlung, weil die Mandeln sowieso gerade nicht entzündet sein dürfen, wenn sie entfernt werden. In den meisten Fällen können die Mandeln daher entfernt werden, wenn der Streik beendet wird. Wenn es sich doch um einen Notfall handelt, würden manche Praxen wohl auch weiterhin Operationen durchführen.

Ansonsten müssen Patient:innen in Kliniken Termine vereinbaren und dort operiert werden. Weil das durch die stationäre Aufnahme jedoch teurer und aufwändiger wäre, bleibt zu hoffen, dass sich die Krankenkassen und HNO-Ärzt:innen über eine angemessene Vergütung schnell einig werden – und die Kinder nicht mehr lange unter der Maßnahme leiden müssen.

Quelle:

Unterfinanzierung von Kinderoperationen: „Die Lage spitzt sich zu“, in: hno-aerzte.de