Affenpocken durch AstraZeneca? Das ist dran an der irren Theorie

Ist es wahr, dass der Corona-Impfstoff von AstraZeneca die Affenpocken auslöst? Die Theorie im Faktencheck.

Affenpocken durch AstraZeneca
Affenpocken durch AstraZeneca: Was ist dran am Gerücht? Foto: iStock/BlackJack3D

Die Affenpocken sorgen nach dem Chaos, das die Corona-Pandemie weltweit verursacht hat, für große Verunsicherung. Gerade erst warnte die WHO vor einem sorglosen Sommer, in dem die Viruserkrankung weiter verbreitet werden könnte.

Die Behauptung, die Affenpocken würden durch den COVID-19-Impfstoff Vaxzevria des Herstellers AstraZeneca ausgelöst, fällt deswegen bei vielen auf fruchtbaren Boden. Aber was ist wissenschaftlich gesehen dran an der Theorie?

Affenpocken durch AstraZeneca: Panikmache um "chimpanzee adenovirus"

Im Internet wird dieser Tage häufig das Foto eines Beipackzettels, der die Inhaltsstoffe von Vaxzevria zeigt, geteilt. Rot unterstrichen sind mehrere Angaben, darunter "chimpanzee adenovirus", also Schimpansen-Adenovirus.

Die Schlussfolgerung mancher Menschen: Da der Corona-Impfstoff von AstraZeneca den Schimpansen-Adenovirus enthält, muss er den aktuellen Affenpocken-Ausbruch ausgelöst haben.

AstraZeneca und Affenpocken: Affe ist nicht gleich Affe

Der Zusammenhang ist schnell hergestellt, allerdings vollkommen falsch. Die einzige Übereinstimmung zwischen den Affenpocken und dem Schimpansen-Adenovirus im AstraZeneca-Impfstoff ist der wörtliche Bezug zu Affen – und selbst der ist im Grunde falsch.

Aber der Reihe nach. Wissenschaftlich sprechen mehrere Fakten gegen die Behauptung, die Affenpocken würden durch AstraZeneca verbreitet.

Schimpansen-Adenoviren - Foto: iStock/BlackJack3D
Das bewirkt der Schimpansen-Adenovirus im AstraZeneca-Impfstoff

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) macht transparent, dass sich im Corona-Impfstoff von AstraZeneca Schimpansen-Adenoviren befinden. Diese sind genverändert, sodass sie sich im Körper weder verändern noch krank machen können.

Der Hersteller hat die Viren nicht zufällig für den Impfstoff ausgewählt. Vaxzevria von AstraZeneca ist ein Vektorimpfstoff, der Adenoviren als Träger nutzt: Die DNA des Coronavirus-Spike-Proteins wird über sie in den Körper transportiert, woraufhin das Immunsystem das Protein erkennt und schlussendlich das Coronavirus selbst bekämpft. Dieser Vorgang ist für den Menschen ungefährlich.

Fakt 1: Affenpocken rufen keine Erkältungssymptome hervor

Adenoviren sind dem menschlichen Immunsystem bereits bekannt. Sie lösen Erkältungen aus und rufen die typischen Symptome hervor – unter anderem Erkrankungen der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes und der Hornhaut. Schimpansen-Adenoviren tun dies, wie der Begriff richtig vermuten lässt, bei Schimpansen.

Die Symptome der Affenpocken hingegen gleichen denen einer gewöhnlichen Pockeninfektion: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Hautausschlag bzw. Pusteln. Geschwollene Lymphknoten, Schüttelfrost und Erschöpfung gehören zu den Begleitsymptomen.

Fakt 2: Affenpocken und Adenoviren sind unterschiedliche Virenarten

"Affenpocken und Adenovirus [haben] nichts miteinander zu tun", bestätigt Stephan Becker, stellvertretender Koordinator für neu auftretende Infektionskrankheiten beim Deutschen Zentrum für Infektionskrankheiten (DZIF), gegenüber "correctiv.org".

Zwar deuten beide Erkrankungen vom Namen her auf Affen hin, allerdings besteht sonst keine Übereinstimmung. Während Adenoviren zu den Erkältungsviren zählen, gehören Affenpocken laut RKI zur Gattung der Orthopoxviren. Diese sind mit den Pockenviren, die wir vom Menschen kennen, verwandt.

"Bei Adenoviren handelt sich im Vergleich zu den Affenpocken um eine andere Virusfamilie; beide befinden sich in unterschiedlichen Teilen der infizierten Zellen, das Adenovirus geht in den Zellkern, das Affenpockenvirus vermehrt sich im Zytosol [die flüssigen Bestandteile des Zytoplasmas] der Zellen", führte Stephan Becker weiter aus.

Fakt 3: Affenpocken haben nichts mit Affen zu tun

Affenpocken wurden zum ersten Mal 1958 in Affenkolonien in Dänemark entdeckt. Daher kommt ihr Name. Dieser ist allerdings vollkommen irreführend, da Forscher:innen später nachweisen konnten, dass die Affenpocken keine affenspezifische Krankheit sind.

Zwar können sich Primaten mit dem Virus infizieren, als Hauptüberträger gelten aber afrikanische Nagetierarten.

Fakt 4: Die zeitliche Komponente von AstraZeneca

Abseits der biologischen Fakten spricht ein weiterer Punkt gegen die Theorie, dass die Affenpocken durch AstraZeneca ausgelöst werden: der Faktor Zeit.

Wäre tatsächlich die Corona-Impfung an dem Affenpocken-Ausbruch schuld, hätte dieser schon im Frühjahr 2021 – als die ersten AstraZeneca-Impfung durchgeführt wurden – stattfinden müssen. Denn selbst wenn der Schimpansen-Adenovirus die Affenpocken hervorrufen könnte – was er nicht kann –, würde er dies nicht erst nach mehreren Monaten tun.

Dass Affenpocken durch AstraZeneca ausgelöst werden können, ist und bleibt ein irres Gerücht, das jeder biologischen Grundlage entbehrt.